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Kurt Karschin




Stationen


Werkzeugmacher


Fachhochschulreife 1979


FH-Studium Leichtbau 1980 - 83


Konstrukteur bei Porsche


Konstrukteur bei Daimler-Benz


Entwicklungsleiter Keiper-Recaro


Gründung von Karschin + Mayer 1990


Abteilungsleiter Keiper-Recaro/Recaro


Senior Program Manager Recaro/Japan 2004


Geschäftsführer von karschin engineering consulting 2006

Wenn ein Konstrukteur Benzin im Blut hat

Porsche, Mercedes und immer wieder Recaro - Wechsel zur Beständigkeit ist offensichtlich ein Markenzeichen von Kurt Karschin, der seit gut einem Jahr die Entwicklungsabteilung von Recaro, dem württembergischen Hersteller von Auto- und Flugzeugsitzen, in Japan ausbaut. Seine Verbundenheit mit der Automobil-Industrie müsse etwas mit Benzin im Blut zu tun haben, so der bodenständige Württemberger, der selbst ein passionierter Motorradfahrer ist, scherzhaft. Familiär ist er jedenfalls nicht vorbelastet. Im großelterlichen Bäcker-Haushalt aufgewachsen, entwickelte er quasi als Kontrastprogramm eine gewisse Vorliebe für Metall, weshalb für ihn eigentlich nur ein mechanischer Beruf in Frage kam. Ein Aufnahmetest bei Daimler-Benz endete mit der Empfehlung zur Werkzeugmacher-Lehre, die er im Werk Köngen des Stuttgarter Automobilbauers begann. Nach erfolgreichem Abschluss sammelte er dort erste Berufserfahrungen im Modellbau als Fräser und Formenbauer.

Während seiner Bundeswehrzeit reiften Überlegungen, sich weiterzuqualifizieren, weshalb der damals 23-jährige unmittelbar nach dem Wehrdienst die Fachhochschulreife erwarb. Die Karosserien der schnittigen schwäbischen Automobile hatten es ihm schon lange angetan; entsprechend wählte er als Studium an der Fachhochschule Ulm Fahrzeugtechnik mit dem Schwerpunkt Karosserie- und Fahrzeugbau. Seine anfänglichen Schwierigkeiten mit den Fächern Mathematik und Physik waren bald vergessen, als im Hauptstudium Fahrzeugtechnik und Technische Mechanik an Bedeutung gewannen. Karosserien aus Aluminium waren damals im Kommen und schweißtechnisch gesehen eine gewisse Herausforderung. Karschins Diplomarbeit beschäftigte sich trendgemäß denn auch mit dem Buckelschweißen bei Aluminiumtüren, einer Art Punktschweißen, bei dem die Geometrie der Schweißpunkte vorgefertigt ist. Als Hochschullehrer hatte ihn besonders Professor Dr.-Ing. Volkmar Schuler beeindruckt, der das Labor für Schweißtechnik leitete und bei dem er den Schweißfachingenieur erwarb. Noch heute pflegt er diese Beziehung, wann immer sich ihm eine Gelegenheit dazu bietet.

Die Nachfrage nach Ingenieuren boomte, als Kurt Karschin die Hochschule mit dem Diplom in der Tasche verließ und unmittelbar zu Porsche ging. Dort war er an der Karosserie-Entwicklung eines Kleinbusses von Mercedes sowie an der Entwicklung des klappbaren Heckspoilers für den legendären 911er beteiligt. Das Arbeiten an einem fünf Meter langen Zeichenbrett, kenne heute wohl keiner mehr, meint er rückblickend: das Zeichnen aller drei Ansichten inklusive das Austragen der Kurven ohne die heute üblichen CAD-Techniken. Nach einem Intermezzo bei Daimler-Benz in Sindelfingen wechselte er zu Keiper-Recaro in Kirchheim. Recaro ist das Nachfolge-Unternehmen von Reuter-Karosseriebau, die seiner Zeit die Karosserie des Porsche 356, der Urversion des weltweit begehrten deutschen Sportwagens, entwickelten. Und von da an wird Recaro für ihn eine Art berufliche Rückversicherung.

Das Aufkommen der Stereolithographie im Modellbau entfachte bei dem leidenschaftlichen Konstrukteur neues Feuer und Risikobereitschaft: Gemeinsam mit einem Kollegen gründete er das Ingenieurbüro Karschin + Mayer. Die Zeichen für den Sprung in die Selbstständigkeit standen günstig. Der Markt für diese erste Form von Rapid Prototyping, einem Schnellverfahren auf Kunststoffbasis, war vorhanden, die Anzahl der Mitbewerber gering. Und dennoch scheiterte er. "Wir waren zu unerfahren im Umgang mit Kunden und zu blauäugig gegenüber den Banken - und last but not least war die Technik unausgereift", so Kurt Karschin heute. Inzwischen bewertet er diese berufliche Station als teure Fortbildung in Sachen Betriebswirtschaftlehre.

Der Kontakt zu Recaro war in dieser Zeit nie abgerissen, weshalb ihm der Wiedereinstieg in das Unternehmen problemlos gelang. Mehr als ein Jahrzehnt leitete er dort verschiedene Abteilungen und schließlich den gesamten Entwicklungsbereich. Zwischenzeitlich stellte sein Können und Wissen auch anderen Unternehmen zur Verfügung - bis Recaro wieder rief und ihn für eine neue Dimension beruflicher Herausforderung gewann. Seitdem hat Kurt Karschin als Senior Program Manager in Japan ein zweites Zuhause. In der zentraljapanischen Kleinstadt Yokaihichi trainiert er das Entwicklungsteam und die Programm-Manager, um sie für kommende Aufgaben fit zu machen. Das Spannende daran: Er durchlebt tagtäglich die Kluft zwischen der an deutschen Standards orientierten Unternehmensleitung und dem ausschließlich aus Japanern bestehenden mittleren Management. Japaner zeigten wenig Bereitschaft zur Dokumentation ihrer Arbeit und handelten nur nach Anweisung, so seine persönlichen Erfahrungen.

In seiner Freizeit erkundet Kurt Karschin per Fahrrad das Land und setzt sich mit Sprache und Kultur auseinander. Die neun Formen, welche die japanische Sprache für das Wort "ich" kennt, und die Bedeutung, welche Visitenkarten im zwischenmenschlichen Umgang beigemessen wird, sind für ihn deutliche Zeichen für die komplexe Vielschichtigkeit des japanischen Selbstverständnisses. Auch für seine Familie, die er als Hobby-Fotograf an seinen Erkundungen teilhaben lässt, ist der Wandel zwischen zwei Welten Bereicherung. Und erste Zeichen einer gewissen Begeisterung bei der jungen Generation am Arbeitsumfeld des Vaters lassen auf eine Kontinuität in der Berufswahl hoffen - vielleicht sogar mit einem Start an der Hochschule Ulm.

Das Interview zu diesem Porträt führte Dr. Ingrid Horn im April 2005. Foto: Nadja Wollinsky


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Ingrid Horn
© 2005