Wenn ein Konstrukteur Benzin im Blut hat
 Porsche, Mercedes und immer wieder Recaro - Wechsel zur
Beständigkeit ist offensichtlich ein Markenzeichen von Kurt Karschin, der
seit gut einem Jahr die Entwicklungsabteilung von Recaro, dem
württembergischen Hersteller von Auto- und Flugzeugsitzen, in Japan
ausbaut. Seine Verbundenheit mit der Automobil-Industrie müsse etwas mit
Benzin im Blut zu tun haben, so der bodenständige Württemberger, der
selbst ein passionierter Motorradfahrer ist, scherzhaft. Familiär ist er
jedenfalls nicht vorbelastet. Im großelterlichen Bäcker-Haushalt
aufgewachsen, entwickelte er quasi als Kontrastprogramm eine gewisse
Vorliebe für Metall, weshalb für ihn eigentlich nur ein mechanischer Beruf
in Frage kam. Ein Aufnahmetest bei Daimler-Benz endete mit der Empfehlung
zur Werkzeugmacher-Lehre, die er im Werk Köngen des Stuttgarter
Automobilbauers begann. Nach erfolgreichem Abschluss sammelte er dort
erste Berufserfahrungen im Modellbau als Fräser und Formenbauer. |
 Während seiner Bundeswehrzeit reiften Überlegungen, sich
weiterzuqualifizieren, weshalb der damals 23-jährige unmittelbar nach dem
Wehrdienst die Fachhochschulreife erwarb. Die Karosserien der schnittigen
schwäbischen Automobile hatten es ihm schon lange angetan; entsprechend
wählte er als Studium an der Fachhochschule Ulm Fahrzeugtechnik mit dem
Schwerpunkt Karosserie- und Fahrzeugbau. Seine anfänglichen
Schwierigkeiten mit den Fächern Mathematik und Physik waren bald
vergessen, als im Hauptstudium Fahrzeugtechnik und Technische Mechanik an
Bedeutung gewannen. Karosserien aus Aluminium waren damals im Kommen und
schweißtechnisch gesehen eine gewisse Herausforderung. Karschins
Diplomarbeit beschäftigte sich trendgemäß denn auch mit dem
Buckelschweißen bei Aluminiumtüren, einer Art Punktschweißen, bei dem die
Geometrie der Schweißpunkte vorgefertigt ist. Als Hochschullehrer hatte
ihn besonders Professor Dr.-Ing. Volkmar Schuler beeindruckt, der das
Labor für Schweißtechnik leitete und bei dem er den Schweißfachingenieur
erwarb. Noch heute pflegt er diese Beziehung, wann immer sich ihm eine
Gelegenheit dazu bietet. |
 Die Nachfrage nach Ingenieuren boomte, als Kurt Karschin die
Hochschule mit dem Diplom in der Tasche verließ und unmittelbar zu Porsche
ging. Dort war er an der Karosserie-Entwicklung eines Kleinbusses von
Mercedes sowie an der Entwicklung des klappbaren Heckspoilers für den
legendären 911er beteiligt. Das Arbeiten an einem fünf Meter langen
Zeichenbrett, kenne heute wohl keiner mehr, meint er rückblickend: das
Zeichnen aller drei Ansichten inklusive das Austragen der Kurven ohne die
heute üblichen CAD-Techniken. Nach einem Intermezzo bei Daimler-Benz in
Sindelfingen wechselte er zu Keiper-Recaro in Kirchheim. Recaro ist das
Nachfolge-Unternehmen von Reuter-Karosseriebau, die seiner Zeit die
Karosserie des Porsche 356, der Urversion des weltweit begehrten deutschen
Sportwagens, entwickelten. Und von da an wird Recaro für ihn eine Art
berufliche Rückversicherung. |
 Das Aufkommen der Stereolithographie im Modellbau entfachte bei dem
leidenschaftlichen Konstrukteur neues Feuer und Risikobereitschaft:
Gemeinsam mit einem Kollegen gründete er das Ingenieurbüro Karschin +
Mayer. Die Zeichen für den Sprung in die Selbstständigkeit standen
günstig. Der Markt für diese erste Form von Rapid Prototyping, einem
Schnellverfahren auf Kunststoffbasis, war vorhanden, die Anzahl der
Mitbewerber gering. Und dennoch scheiterte er. "Wir waren zu unerfahren im
Umgang mit Kunden und zu blauäugig gegenüber den Banken - und last but not
least war die Technik unausgereift", so Kurt Karschin heute. Inzwischen
bewertet er diese berufliche Station als teure Fortbildung in Sachen
Betriebswirtschaftlehre. |
 Der Kontakt zu Recaro war in dieser Zeit nie abgerissen, weshalb ihm
der Wiedereinstieg in das Unternehmen problemlos gelang. Mehr als ein
Jahrzehnt leitete er dort verschiedene Abteilungen und schließlich den
gesamten Entwicklungsbereich. Zwischenzeitlich stellte sein Können und
Wissen auch anderen Unternehmen zur Verfügung - bis Recaro wieder rief und
ihn für eine neue Dimension beruflicher Herausforderung gewann. Seitdem
hat Kurt Karschin als Senior Program Manager in Japan ein zweites Zuhause.
In der zentraljapanischen Kleinstadt Yokaihichi trainiert er das
Entwicklungsteam und die Programm-Manager, um sie für kommende Aufgaben
fit zu machen. Das Spannende daran: Er durchlebt tagtäglich die Kluft
zwischen der an deutschen Standards orientierten Unternehmensleitung und
dem ausschließlich aus Japanern bestehenden mittleren Management. Japaner
zeigten wenig Bereitschaft zur Dokumentation ihrer Arbeit und handelten
nur nach Anweisung, so seine persönlichen Erfahrungen. |
 In seiner Freizeit erkundet Kurt Karschin per Fahrrad das Land und
setzt sich mit Sprache und Kultur auseinander. Die neun Formen, welche die
japanische Sprache für das Wort "ich" kennt, und die Bedeutung, welche
Visitenkarten im zwischenmenschlichen Umgang beigemessen wird, sind für
ihn deutliche Zeichen für die komplexe Vielschichtigkeit des japanischen
Selbstverständnisses. Auch für seine Familie, die er als Hobby-Fotograf an
seinen Erkundungen teilhaben lässt, ist der Wandel zwischen zwei Welten
Bereicherung. Und erste Zeichen einer gewissen Begeisterung bei der jungen
Generation am Arbeitsumfeld des Vaters lassen auf eine Kontinuität in der
Berufswahl hoffen - vielleicht sogar mit einem Start an der Hochschule
Ulm. |
 Das Interview zu diesem Porträt führte Dr.
Ingrid Horn im April 2005. Foto: Nadja Wollinsky |
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