
Spagat zwischen Kernspin, Kindern und Konkurrenz
 Das Faible für Mathematik war ihr offenbar angeboren, denn Annette
Benzing, wie sie damals hieß, wollte als junges Mädchen unbedingt die
Mathematik zum Beruf machen. Die Wahl war Mitte der 70er Jahre nicht
einfach, wenn man nicht gerade Lehrerin werden wollte. Doch schlechte
Berufsaussichten konnte sie, die ihrem Vater, einem erfolgreichen
Maschinenbau-Ingenieur, nacheiferte, nicht von ihrem Ziel abbringen. Den
Gordischen Knoten zum Platzen brachte schließlich die Empfehlung der
Berufsberatung, Informatik zu studieren, ein hochmodernes Fachgebiet, bei
dem man ohne mathematisches Verständnis nicht auskam und dessen berufliche
Aussichten phänomenal waren. |
 Irgendwie war die gebürtige Stuttgarterin, die in Giengen
aufgewachsen war, von dem Vorschlag elektrisiert, obwohl ihr Computer wie
Informatik bislang gänzlich unbekannt waren. Mit dem Zug war sie jedoch
schnell in Ulm, und an der dortigen Fachhochschule, die den Studiengang
Technische Informatik anbot, machte sie sich schlau. Dem Entschluss
folgten die problemlose Zulassung zum Studium, zielstrebige Studienjahre
und ein exzellentes Examen. Und doch war das Ganze auch in anderer
Hinsicht Neuland: Sie war und blieb als Informatikerin eine Exotin,
während des Studiums an der männerdominierten technischen Hochschule
ebenso wie später im Beruf. Als Frau durch Leistung zu überzeugen, ist
heute noch ihre Devise, auch wenn sie sich inzwischen eingesteht, dass es
für große Karriere mehr braucht! |
 Bei AEG Telefunken in Ulm startete Annette Benzing ins Berufsleben.
Begeistert entwickelte sie Systeme für zivile Flugsicherung, insbesondere
für den Flughafen Brüssel, wo sie selbst Fluglotsen schulte. Als
stellvertretende Projektleiterin hatte sie die erste Karrierestufe bereits
erklommen, als die wirtschaftliche Situation für AEG schwierig wurde. An
militärischen Projekten, die zunehmend die zivilen verdrängten, mochte die
überzeugte Pazifistin nicht arbeiten, weswegen die Zeit reif war für einen
Wechsel. SIEMENS in Erlangen bot mit der Entwicklung des ersten
Kernspin-Tomographen eine faszinierende Aufgabe, und Annette Benzing stieg
in ein junges Entwickler-Team ein. Mit der Zeit erkannte sie, dass ihre
männlichen Mitstreiter ihre schärfsten Konkurrenten um den beruflichen
Aufstieg waren. Sie, die Leistungsstarke, hätte sie gerne gemacht - die
"Karriere", doch mittlerweile verheiratet, entschied sie sich bewusst für
die Familie mit Kindern und für Erziehungsurlaub! |
 Als die beiden Kinder in den Kindergarten kamen, wollte Annette
Gumbrecht es noch einmal wissen, und bewährt sich seitdem jeden Tag aufs
Neue beim Spagat zwischen Kernspin und Kindererziehung. Die
Karriereplanung musste sie jedoch ihrem Mann überlassen, da sie ihren
beruflichen Ambitionen seit dem Wiedereinstieg nur noch halbtags nachgeht.
Sie weiß mittlerweile sehr wohl, dass dies für eine Karriere in der
Industrie der Todesstoss ist. Wer nur vormittags arbeitet wie sie, kann
keine Netze spinnen, weder beim Gespräch in der Mittagspause noch bei den
diversen Sitzungen, die in aller Regel nachmittags stattfinden. Wer die
Kindererziehung selbst in die Hand nimmt, die Halbwüchsigenen täglich zum
Reiten fährtt und bei den Turnieren betreut, die Familie versorgt, ist
eben für ein Unternehmen nicht 24 Stunden am Tag verfügbar. Und wer zu
lang auf demselben Gebiet vorzügliche Arbeit leistet, ist nicht
ersetzbar. |
 Und dennoch - die temperamentvolle, schlanke 50-Jährige hat nichts
bereut. Sie arbeitet nach wie vor gerne in ihrem Beruf als
Software-Entwicklerin. Ab und zu gönnt sie sich eine schöpferische Pause
von all ihren persönlichen Verpflichtungen, sei es beim gemeinsamen
Golfspielen mit ihrem Mann oder beim Musizieren. Die Musik als Quelle der
Kraft hat Annette Gumbrecht, die aus einem musikalischen Elternhaus
stammt, schon früh zu nutzen verstanden. Während ihre Kommilitonen im
Sauschdall, dem legendären Jazzkeller der FH, Abwechslung suchten, zog sie
ein innigeres instrumentales Verhältnis vor. Sie ließ die Saiten ihres
Cellos im Giengener Kammerorchester erklingen. |
 Das Interview zu diesem Porträt führte Dr.
Ingrid Horn im Dezember 2004. |
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