Erfolgreich agieren - für und gegen den Strom
 Brienner Straße 40 - dort, wo München sich zu seiner feudalen
Vergangenheit bekennt, ist Rainer Frank Elsässer seit der Jahrtausendwende
beruflich zu Hause. Als Vorstandsmitglied der E.ON Energie lenkt er die
Geschicke des größten privaten Energiedienstleistungsunternehmens Europas.
Dass der Weg an die Spitze eines Großunternehmens kein gradliniger war,
bekennt der gebürtige Stuttgarter ohne Umschweife. Vielleicht war es
gerade sein Lebensbekenntnis, das ihm bereits in jungen Jahren die
schwersten Steine in den Weg warf: Offen der Welt entgegentreten und die
persönlichen Grenzen ausloten - ob als Schüler, Ingenieur oder
passionierter Jäger. |
 An das Gymnasium, das er vorzeitig verlassen musste, weil er das
schulische "Korsett" sprengte, schloss sich die Lehre zum
Maschinenbauschlosser in Stuttgart an. Sie gab ihm das solide Fundament
für die persönliche Weiterentwicklung, für den Antrieb, alles Versäumte
nachzuholen, um schließlich an der Fachhochschule Ulm Maschinenbau
studieren zu können. Noch heute schwärmt Rainer Elsässer von der damaligen
Staatlichen Ingenieurschule Ulm mit ihren lichtdurchfluteten hellen Räumen
und den technisch hochwertig ausgestatteten Laboren. Gerade richtig für
den dynamischen jungen Mann, der sich auch in seinen Ulmer Jahren nicht
nur auf das Studieren beschränkte. Natürlich habe ihm das FH-Studium eine
zukunftsfähige fundierte Ausbildung gegeben, aber ebenso wichtig sei ihm
das kulturelle studentische Leben gewesen, bekennt der heute knapp
60-jährige freimütig. Zunächst als Kulturreferent und später als erster
AStA-Vorsitzender hatte er dabei kräftig mitgewirkt. Zu seinen
Glanzleistungen - neben dem preisgekrönten Studienabschluss - zählt er
denn auch Bau und Einrichtung des Sauschdall, eines noch heute weit über
diie Grenzen Ulms hinaus bekannten Jazzkellers. Dort ließ er nicht nur die
Dutch Swing College Band aufspielen - nein, er feierte auch die Hochzeit
mit seiner ersten Frau in dieser für damalige Verhältnisse revolutionären
Umgebung. |
 Es mag wie ein Widerspruch erscheinen, dass Rainer Elsässer
anschließend fast 30 Jahre seinen beruflichen Mittelpunkt in Stuttgart
fand. Als er 1967 in die damals 50 Mitarbeiter zählende
Ingenieur-Gesellschaft Fichtner als Projektleiter eintrat, war nicht
abzusehen, dass er sie einmal 15 Jahre lang als Vorsitzender der
Geschäftsführung leiten würde. Die Berufung in den Vorstand der Bayernwerk
AG kam für ihn eher überraschend und dennoch zur rechten Zeit. In
Stuttgart hatte er seinen beruflichen Zenit erreicht; die Fichtner-Gruppe
zählte inzwischen mehr als 1000 Mitarbeiter und war damit zum größten
deutschen Ingenieurdienstleister herangereift. Mit dem Eintritt in ein
Groß-unternehmen wie der Bayernwerk AG tat sich für ihn eine neue
Dimension beruflicher Herausforderung auf. Statt autokratischem Handeln
war Anpassung und Diplomatie gefragt, denn Gremienarbeit stand von nun an
im Vordergrund. Und das um so mehr, als es in dieser Zeit im Energiesektor
um die Wandlung des Marktes vom Monopol zum Wettbewerb ging. Die Fusion
der Bayernwerk AG mit der Preussen Elektra zur E.ON Energie war in
Elsässers Augen ein Kraftakt, der mehr forderte, als er es sich
vorgestellt hatte. Um so mehr ist er heute stolz auf seinen Beitrag zum
erfolgreichen Gelingen dieses Vorhabens. |
 Doch auch ein Top-Manager der deutschen Industrie hat
seine privaten Seiten. Rainer Elsässer lebt sie als Großvater, Jäger und
Hochschullehrer. Auch hier bewegt er sich im Spannungsfeld von Ratio und
Irratio oder gar Emotio. Als passionierter Jäger zieht er sich zur
Regeneration gerne in sein Jagdrevier im ländlichen Franken zurück, scheut
aber auch nicht die gelegentliche Konfrontation mit exotischem Großwild in
Afrika oder Alaska. Das Ausloten von Grenzen, ein gewisses Maß an
Respektlosigkeit also, schätzt er heute noch. Gerade das macht aus seiner
Sicht seine Lehrtätigkeit an der Universität Stuttgart, die ihm die
Ehren-professur verliehen hat, so interessant. Dort hatte er 1983 den
ersten englisch-sprachigen postgraduierten Master-Kurs „Infrastructural
Engineering" mit Schwerpunkten bei den technischen Infrastruktursystemen
mit aufgebaut. Die Vorzeichen haben sich jedoch inzwischen umgekehrt:
Heute sind es die Studierenden, die ihm respektlos gegenüber treten.
Rainer Frank Elsässer genießt diesen Gegensatz zu seinem beruflichen
Alltag, wo er aufgrund seiner her-ausgehobenen Position seltener
Widerspruch erfährt. Rational zu handeln und dabei offen zu sein für
Unberechenbares ist seine Lebensphilosophie und sein persönlicher Weg zum
Erfolg. Gerne gesteht er dieses Privileg auch der jungen nachwachsenden
Generation zu. |
 Das Interview zu diesem Porträt führte Dr.
Ingrid Horn am 17.01.2003. |
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