Niele Toroni und seine Pinselabdrücke

Die Wände des Gebäudekomplexes auf dem Campus Albert-Einstein-Allee
55 zieren kleine blaue, gelbe und rote Trapeze. Sie sind ein
eindrucksvolles Beispiel wie die Redundanz eines einfachen Pinselabdrucks
völlig neue Wandansichten schafft. ‚Punti di Vista – Punti di Incontro’
also Blickpunkte und Treffpunkte nennt der international renommierte
Künstler Niele Toroni sein Werk. |
  Ein Mann aus den Bergen ...
... ist Niele Toroni, 1937 in Locarno-Muralto geboren, kein eleganter
Italo-Schweizer, sondern eher spröde und von hoher und breiter Statur.
Ursprünglich Lehrer an einer Grundschule im Tessin, verließ er bereits
als 22jähriger seine Heimat, um sich in Paris niederzulassen. Er hat nie
eine künstlerische Ausbildung genossen, sondern seinen Weg als
Autodidakt gemacht. Die Mauer und das Malen bilden für ihn eine
Symbiose, und er versteht sich auch heute noch eher als Maler denn als
Künstler. Gegen Ende der 60er Jahre lehnte er sich gemeinsam mit Buren
gegen die „Salonmalerei“ und ihren Repräsentationsanspruch auf. Seine
eigene Antwort gipfelt in einer einfachen malerischen Geste. |
Pinselabdruck Nr. 50 ...
... in regelmäßigen Abständen von 30 Zentimetern. Der trapezförmige
Farbabdruck eines flachen Pinsels von 50 Millimeter Breite ist das
Grundelement der Malerei von Niele Toroni. Seine methodische
Wiederholung schafft größtmögliche Offenheit, die sich der Architektur
unterordnend, zum Bild gestaltet. Der Künstler bevorzugt die
Grundfarben, aufgebracht auf weißem Untergrund, überwiegend Mauer,
manchmal auch Fußboden, Leinwand, Papier. Im Gebäude auf dem Oberen
Eselsberg hat er drei große, über mehrere Stockwerke laufende Wandbilder
realisiert, die er als das Rückgrat des Gesamtwerkes sieht. Er gestaltet
Blickpunkte und schafft damit gleichzeitig Treffpunkte, indem er Wände
auswählt, die kommunikativen Orten wie Foyer, Cafeteria oder
Wintergarten zugewandt sind. |
Die Kunst der Reduktion ...
... trägt die Handschrift von Niele Toroni. Ihre Schlichtheit macht
sie verträglich mit der sachlichen Kühle der Moderne wie mit Barockem
oder gar Morbidem, etwa der schäbigen Fassade eines alten Hauses am
Furka-Paß. In Deutschland ist er längst kein Unbekannter. In Berlin hat
der gebürtige Tessiner bereits 1988 eine Fassade am Hamburger Bahnhof
gestaltet. Seine Wandansichten prägen zwei Tagungsräume und den
Messeclub der Neuen Leipziger Messe. Der Auftrag, den Neubau auf dem
Oberen Eselberg zu gestalten, war allerdings auf für einen
internationalen Künstler seines Ranges etwas Besonderes: die seltene
Gelegenheit, die eigene Kunst in einen ganzen Gebäudekomplex zu
integrieren. |
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